Ich habe Prostatakrebs.

Ich habe auf Instagram über meinen Weg durch diese Erkrankungen geschrieben. Hier sind die Texte noch einmal gesammelt veröffentlicht:

Bei mir wurde Mitte September 2026 Prostatakrebs diagnostiziert. Damit hatte ich nicht gerechnet. Mein Leben ändert sich schlagartig — und recht bald nach der Diagnose wusste ich, dass ich mit dieser Situation offen umgehen werde.

Meine Gedanken sind durchgehend ambivalent: ich bin froh, diese Diagnose nicht früher im Leben bekommen zu haben, und bin dankbar für die mir zur Verfügung stehenden Ressourcen. Ich bin überrascht, dass die Diagnose zeitgleich mit der Aufnahme in das Fachspezifikum “Existenzanalyse” kam; die Existenzanalyse, auf Viktor Frankl zurückgehend, basiert unter anderem auf der Idee, dass wir uns die Umstände unseres Lebens nicht aussuchen – wohl aber, wie wir diesen Umständen begegnen.

Meine Situation ist auf vielen Ebenen unangenehm. Zugleich stimmt aber auch, dass jeder Tag gute Dinge bringt, freudvoll sein kann, und auch weiterhin voller kleiner und großer Geschenke und Privilegien ist.

Ich habe von meinem Umfeld unglaubliche Unterstützung erhalten — durch Nachrichten, Angebote, Ratschläge, Telefonate, finanzielle Unterstützung, konkrete Heilungsangebote, Erfahrungsberichte, Kontaktvermittlungen zu Zweitmeinungen, Informationen zu Nahrungsergänzung, Kostenübernahme für Komplementärmedizin — von langjährigen Freunden genauso wie von Menschen, mit denen nie so wirklich viel Kontakt bestand. 

Diese Diagnose hat mir daher auch gezeigt, wie unglaublich geschützt und geliebt ich bin.

19. September 2026

Ich habe einen bösartigen Tumor, weshalb mir in ein paar Wochen die Prostata entfernt wird. Der Tumor hat eine geringe Aggressivität (Gleason 3+4=7), aber ist an zu vielen Stellen (8/18, beidseitig) – daher bin ich in der mittleren Krebs-Risikostufe. Das bedeutet, dass ich Entscheidungen treffen muss – und nicht einfach zuwarten kann.

Jeder Weg von hier hat Konsequenzen. Dabei geht es vor allem um die Entscheidung zwischen Bestrahlung und Extraktion. In beiden Fällen verliere ich meine Zeugungsfähigkeit.

Ich habe mich für die empfohlene Operation entschieden. Rational ist das stimmig; emotional ist es eine komplett andere Nummer. Es ist schwierig, mich überhaupt als Krebspatient zu verstehen: ich habe keine Schmerzen oder Symptome. Nur durch die Gewebeproben ist klar, dass in mir ein Tumor ist, der zerstörend in alles umliegende Gewebe streuen möchte.

Meine Trauer kommt in Wellen. Ich hatte das nicht kommen sehen. Ich war die Stunden im Krankenhaus durchgehend im Schock. Als ich danach im Café saß, ist das Adrenalin langsam runtergegangen, und die Gewissheit und Klarheit, und die erste Trauer kamen hoch. Ich bin ihnen mit Kulinarik begegnet: eine Zitronentarte. Vielleicht noch ein Kaffee? Hmm ja, und noch auch Topfentorte.

Danke allen, die mir seit Tagen helfen das zu reflektieren. Ich habe so liebevolle Nachrichten und Unterstützung bekommen, und weiß noch gar nicht wie ich damit umgehen kann. Meine Eltern zahlen die Kryokonservierung, was auch ein unglaubliches Geschenk ist.

Ich verstehe dass es um einen Bruch geht, der auch eine Öffnung darstellt. Dass ich durch den Stand der Technik trotzdem auch Kinder haben werde können, wenn das denn sein soll. Dass diese Diagnose in meinem Alter zwar selten, aber auch ein Geschenk ist. Dass die Umstände, die diese Diagnose ermöglicht haben, das größte Geschenk sind – mir wird übel wenn ich daran denke, wie “zufällig” ein nebensächlicher Arzttermin vor über 2 Jahren das alles ins Rollen gebracht hat – und wie es mir in zehn Jahren gegangen wäre, wenn der Tumor unentdeckt geblieben wäre.

Das ist das Leben, das mir gegeben wurde: Auf das es nur eine weitere Station in einer langen, reichhaltigen Biografie ist <3

Untitled, 2006 | ink, water color on paper
42 × 59 cm
23. September 2026

Ich bin irgendwie auf der falschen Zeitleiste gelandet. Aber es ist weiterhin auch die richtige.

Diesen vermeintlichen Widerspruch darf ich nun jeden Tag vereinen: Es ist weiterhin ein Erleben von Fülle, Freundschaft, Liebe, Hingabe, Opferbereitschaft. Es ist weiterhin ein Erleben von Trauer, Ohnmacht, Disbelief und Müdigkeit.

Aber es ist nie nur das eine. Es ist immer die Verbindung von allem. Es fühlt sich nur nicht immer so an.

Vielen Dank für jede einzelne Nachricht, auch wenn ich noch nicht jede beantwortet habe. Danke auch @krebshilfe_wien, ihr seid bisher die freundlichsten, by far.

Es ist die Timeline die ich nicht wollte, aber nun ist es das neue Leben, und ich möchte dass es schön wird.

 

27. September 2026

Trauer ist für mich eine positiv besetzte Emotion.
Und: Wir halten so viel mehr aus, als wir wollen oder uns zutrauen.

 

2. Oktober 2026

Ich habe Bicalutamid verschrieben bekommen. Es ist ein Testosteron-Blocker: ich werde bis zur Operation hormontherapiert.

Der Chirurg meinte dass manche meiner Biopsie-Werte auf einen aggressiveren Tumor hinweisen, als mir bisher gesagt wurde. Er möchte nicht, dass eine Krebszelle von der Prostata in meinen Blutkreislauf oder das Lymphsystem kommen. Daher Bicalutamid: es besetzt die Andockstellen derjenigen Zellen im Körper, wo Testosteron sonst eben andockt. Das betrifft alle meine Muskel-, Knochen- und Gehirnzellen, meine Haut, mein Brustgewebe. Prostatakrebs feeds on testosterone — das ist der Zusammenhang. “Wir legen ihren Tumor schlafen”.

Ich dachte ich habe bis zur Operation noch Zeit “für mich”. Das fühlt sich nun nicht mehr richtig an. Ich merke dass ich nicht mal mehr verstehe, wer bzw. was “ich” hier genau bedeutet.

“Ich”, ohne Prostata.
“Ich”, temporär ohne Testosteron.
“Ich”, permanent ohne Ejakulationen.

Michael Singer sagt: das “ich” ist, was beobachtet. Die unendliche, zeitlose, unzerstörbare Seele, abseits von Ego und Gefühlen. Und Körperteilen. Sie ist, was ua. beim Meditieren oder Beten spürbar wird. Sie klingt gerade auch wie ein gutes Versteck. Ich habe aber gerade eher das Bedürfnis danach, in der Welt verhaftet zu bleiben. Wozu sonst bin ich da?

Ich fühle Angst davor, dass meine Hormone sich so stark ändern. Was wird noch kommen?

Mit jedem Termin merke ich, wie naiv ich in diese Termine gehe. Vom ersten Termin wo die Diagnose kam. Zum nächsten Termin beim Urologen. Kinderwunschklinik. SVS. Krebshilfe. IVF-Fonds: es kommt ständig ein Schäufchen hinzu.

Der Arzt meinte, dass ich mit meinen Biopsie-Werten in zwei Jahren wirklich ein großes Problem gehabt hätte. Uff. Aber so wird es nun ja nicht sein, denn the thing wurde bemerkt. Und wird entfernt.

PS: danke @malupaka for last night’s coherence healing <3
PPS: ich hab das Propädeutikum abgeschlossen
PPPS: morgen beginnt meine Lehrtherapie für das Fachspezifikum

14. Oktober 2026

Der Ort wo meine Angst sich am meisten zeigt, heißt neuerdings “drei Uhr morgens”. Da findet sie einen Raum, der sich wichtig anfühlt. Die Zweifel werden dort größer, als es meine Aufmerksamkeit unter Tags erlaubt — und ich spüre, dass sie diesen Raum brauchen.

Ich habe verstanden, dass ich mir nicht einfach “Zeit nehmen” kann, um mich emotional auf meine nächste Lebensphase einzustellen oder vorzubereiten. Ich habe begonnen zu verstehen, dass es eine ganz eigene Art des Nihilismus gibt — als Konsequenz davon, dass sich herausstellt, daß das Fundament, das so sicher schien, es nicht war. Nie ist. Es gibt keine Versprechen bzgl unserer Leben.

Ich frage mich seit einigen Tagen immer wieder, warum ich existiere. Warum ich lebe. Ich meine das nicht suizidal, aber dennoch existenziell. Für viele Menschen geht es dann vl um Job, Hobbies, Familie. Ich spüre nicht, dass es mir darum geht. Das anzuerkennen, fühlt sich gefährlich an. Das nicht anzuerkennen, fühlt sich noch gefährlicher an.

Vor mir liegt ein Prozess den ich niemandem wünsche, und den ich nicht erleben möchte. Ich möchte das alles nicht wissen. Ich möchte nicht an die Operation oder die Zeit danach denken. Ich möchte zurück zum 14. September, zum Tag vor der Diagnose. Ich möchte zurück zu meiner Naivität. Ich möchte zurück zu einer selbstverständlichen Sexualität.

Aber ich kann nicht zurück.
Ich kann nur nach vorn.
Die immer gleiche Entscheidung zu einem positiven Umgang mit mir ist jeden Tag erneut nötig.

Ich schaffe es nicht vorzutrauern. Ich weiß gar nicht ob das möglich ist: etwas betrauern, das noch gegeben, vorhanden ist. Ich schaffe es auch nicht, jetzt, vor dem Verlust, das verlustiggehende zu zelebrieren. Ich möchte die Ebenen des Verlusts hier nicht aussprechen, aber sie sind vielschichtig und vieldimensional.

Damit einen bewussten Umgang zu finden, mit etwas das nie wieder kommt, ist keine leichte Sache. Ich erlebe es als oszillierendes hin- und wegschauen. Ich schaffe es seit Wochen nicht, alleine zu meditieren, weil dann mein persönlicher neuer Freund, “Body Horror”, mir zuzwinkert.

Ich versuche auch das zu akzeptieren und zu validieren. Meistens gelingt es.

 

24. Oktober 2026

Das Bild eines Kokoons ist seit einigen Wochen in mir. Es handelt von Vorbereitung, Entschleunigung, Transition. Um Bewegung im vermeintlichen Stillstand. Um das Loslassen von etwas, das doch nie so sicher war wie ich dachte — und darum, für eine neues Lebensgefühl bereit zu werden, das ich noch nicht kennen kann.

Um die Diagnose herum hatte ich viele Träume wo ich eingesperrt war, durch zu enge Gänge nicht durchkommen konnte, aber durch musste, und dann feststeckte. Mir wurde darin ständig mein Bewegungs- und Handlungsspielraum genommen.
Diese Träume sind jetzt vorbei, ich kann besser schlafen. Es fühlt sich an, als wäre ich in dieser Transitionsphase, im Kokoon, angekommen.

Ich erlebe Trauer nicht als etwas das ich lösen kann — sondern als etwas, das ich (aus-)halten muss/darf/kann. Es gibt ein Leben vor der Diagnose, und eines vor der Trauer. Und dann gibt es das Leben mit der Trauer — und auch sie geht vorbei. Was kommt als nächstes? Die Operation.

 

Surrender, 2025 | digital print (Edition of 1+1AP)
40 × 60 cm
29. Oktober 2026

Meine Angst nimmt mit jedem Tag zur Operation zu. Mittlerweile weiß ich genauer, was mich dort, und was mich danach erwartet: nach dem Aufwachen aus der Narkose, wo ich aufwachen könnte (im Aufwachraum, in meinem Zimmer, oder auf der Intensivstation), wie es sich anfühlt wenn der Bauch für die Operation aufgebläht wurde, wie das mit dem Katheter sein wird, dass Gehen schwierig sein wird können, oder Husten, oder oder. Ich hab mit jedem Tag mehr Respekt davor. Und eben Angst.

Und zugleich auch sowas wie Hoffnung und Zuversicht. Ich weiß daß es weitergeht. Dass kleine und große Dinge folgen; ich bin so dankbar dafür, wie embedded ich bin in diese tiefen Freundschaften, wie konkrete Menschen Tag und Nacht für mich da sind. Der Kontakt zu meiner Schwester hat sich vertieft, was mir so viel bedeutet. Eine unglaublich wertvolle Möglichkeit für das psychosoziale Praktikum hat sich aufgetan, für die allein ich so dankbar bin, und es sich so auszahlen wird, neu zu lernen wie ich trotz herausgeschnittenem Harn-Schliessmuskel den Harndrang kontrollieren werde können. Axel sagt sowas wie: “Es ist wie wieder ein Baby sein. Du musst es alles neu lernen”.

Ich bin nochmal mit dem Rad gefahren weil es nicht mehr gehen wird dann. Ich trainiere den neuen “Schließmuskel” wenn ich vom Sofa aufstehe, weil das nötig sein wird von jetzt an.

Der größte Ausdruck den man umsetzen kann, ist wirklich, leben zu lernen. Zu verstehen WER man ist, WIE man ist — auch und gerade, wenn Selbstverständlichkeiten verlorengehen. Das eigene Leben zu entfalten, immer und immer wieder: das ist hier offensichtlich die Einladung.

Nächste Woche ist es soweit, am Tag nach meinem Geburtstag. Das ist das große Geschenk.